Stammzellspende rettet Leben: Martina Habenau will Danke sagen

Artikel vom 4. August 2015

Emil Morsch (rechts) freut sich über den Besuch von Sascha und Martina Habenau aus Flensburg.

Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke: 2012 rettete eine Stammzellspende der vierfachen Mutter aus Flensburg das Leben

28. Oktober 2011 – Martina Habenau hat dieses Datum auch nach Jahren noch im Kopf. Der Grund: Es ist der Tag der Diagnose. Danach beherrschte monatelang nur ein Gedanke den Kopf der vierfachen Mutter: „Du wirst sterben!“ Doch die Flensburgerin ist nicht gestorben. Zu verdanken hat sie das, ihrem Mann, ihren Kindern, Margit, Kuddl, ganz vielen Helfern und einem wildfremden Menschen – einem Stammzellspender.

Sie wollten glücklich sein

Der Rückblick ist schwer. Das Gespräch über all die Dinge, die passiert sind, ist aufwühlend: Das Jahr 2011 beginnt eigentlich glücklich. Martina hat gerade ihre Jugendliebe Sascha geheiratet, nachdem man sich jahrelang aus den Augen verloren hatte. „Wir hatten Pläne“, sagt ihr Mann heute und lächelt darüber, als wäre das vollkommen absurd. Es sollte beruflich und privat aufwärts gehen. Sie wollten glücklich sein. So simpel war der Traum. Wegen Rückenschmerzen geht Martina zum Arzt. Der überweist sie ins Krankenhaus. „Danach wird alles wieder gut“, hat Sascha damals versucht, zu trösten. Doch nichts wird wieder gut: Es gibt „Auffälligkeiten“.

St. Franziskus-Krankenhaus in Flensburg

Am Tag von Tochter Julias 13. Geburtstag dann die Diagnose: „Plasmozytom“ lautet der medizinische Horrorbegriff dafür, dass Martina Habenau nun um Leben oder Tod kämpfen muss. Ihre Kinder sind da gerade 11, 13, 16 und 18 Jahre alt. Jeder von ihnen braucht seine Mama auf die eine oder andere Weise. Im Krankenhaus gratuliert sie am Telefon ihrer Tochter zum Geburtstag und muss so tun, als wäre alles in Ordnung. In den kommenden Wochen stehen ihr Chemotherapie und Bestrahlung bevor – im St. Franziskus-Krankenhaus in Flensburg, wo die Stefan-Morsch-Stiftung eine Station für Patienten wie Martina eingerichtet hat.

Martina braucht eine Stammzellspende

Sascha Habenau, Maschinenbauer, saugt medizinische Fachinformationen in sich auf. Martina verliert unterdessen ihre Haare, Mut und Kraft waren vorher schon abhandengekommen. Irgendwann ist klar, Martina braucht eine Stammzellspende. Eine Hochrisiko-Therapie – eine letzte Chance. Eine Psychologin versucht die Familie zu stützen, ein Hospiz wird eingeschaltet und hilft – vor allem den Kindern. „Uns wurde geraten von vornherein mit offenen Karten zu spielen.“

Martina und Sascha Habenau haben sich in der Stefan-Morsch-Stiftung in Birkenfeld umgeschaut.

Martina und Sascha Habenau haben sich in der Stefan-Morsch-Stiftung in Birkenfeld umgeschaut.

„Wir hatten wieder Hoffnung!“

Nur ein Drittel der Patienten finden einen Spender in der eigenen Familie. Auch bei Martina muss ein Fremdspender gefunden werden. Habenaus nehmen Kontakt mit der Stefan-Morsch-Stiftung auf: Emil Morsch, Vorstandsvorsitzender hat vor 30 Jahren ähnliches erlebt, wie Sascha Habenau. Sein Sohn Stefan war damals der erste Europäer, dem das Knochenmark eines fremden Spenders übertragen wurde. Nach seinem Tod gründeten die Eltern die erste deutsche Stammzellspenderdatei, in der sich bis heute mehr als 500.000 Menschen registrieren ließen. Sascha Habenau sagt über die erste Begegnung: „Es war, als ob man sich schon lange kannte!“ Auch Martina ist nach dem Treffen zuversichtlich: „Wir hatten wieder Hoffnung!“

Typisierungsaufruf gestartet

Die Suche nach einem passenden fremden Spender beginnt. Sascha Habenau weiß, die Chance einen Menschen zu finden, der die gleichen genetischen Merkmale besitzt wie seine Frau, liegt zwischen 1 : 10.000, im ungünstigsten Fall bei 1 : mehreren Millionen. Die Abfrage im internationalen Netzwerk der Spenderdateien kann im schlimmsten Fall einige Monate dauern. Sascha will diese Zeit nicht verstreichen lassen. Er entschließt sich, einen Typisierungsaufruf in Zusammenarbeit mit der Stefan-Morsch-Stiftung zu starten: Flyer und Plakate werden gedruckt, die Medien informiert. Die Flensburger Busse fahren mit Martinas Gesicht und dem Typisierungsaufruf „Ich will leben“ durch die Stadt. 117 Leute im Helferkreis mobilisieren alles was geht: „Nochmal möchten wir uns bei allen Freunden, Helfern, Firmen für jegliche Unterstützung bedanken – auch und vor allem bei der Stefan-Morsch-Stiftung, bei der wir uns sehr gut aufgehoben gefühlt haben“, sagen Martina und Sascha Habenau.

Rückblick: 2012 ließen sich 1900 Menschen bei dem Aufruf für die an Leukämie erkrankte Martina Habenau in Flensburg typisieren.

3000 Menschen kommen

Martina darf in dieser Zeit für ein paar Tage das Krankenhaus verlassen: „Das war Gänsehaut pur – das eigene Gesicht auf den Transparenten zu sehen. Ich habe in dieser Zeit gebetet.“ Sascha Habenau, der große Mann mit der Metal-Rocker-Kutte, hört das heute immer noch mit einem mulmigen Gefühl: „Ich ertappe sie manchmal dabei, wie sie nachts am Küchenfenster steht und in den Sternenhimmel schaut!“ Er weiß, was sie sich damals fragt: „Wie lange hast Du noch?“ 36 Jahre ist sie zu diesem Zeitpunkt.

36 Jahre ist sie damals alt. Im März 2012 dann der Tag der Typisierungsaktion: Rund 3000 Menschen kommen in die Hannah-Arendt-Schule. Fast 1900 Menschen lassen sich insgesamt typisieren. Wer sich nicht typisieren lassen kann, spendet Geld, damit weitere Typisierungen finanziert werden können.

2012 die Transplantation

Anfang Mai 2012 kann Martina Habenau transplantiert werden. Zehn von zehn Gewerbemerkmalen sollten im Idealfall übereinstimmen, damit man als Spender in Frage kommt. Martina kennt ihren Spender bis heute leider nicht Die Stefan-Morsch-Stiftung dazu: „Nicht immer ist es möglich, dass Spender und Empfänger einander kennenlernen. Je nachdem aus welchem Land der Spender stammt, erlauben die nationalen Gesetze den Kontakt nicht. Auch ist entscheidend, ob Spender und Empfänger einem Austausch der Adressen zustimmen.“

Eine Stammzelltherapie ist keine leichte Angelegenheit. Sie ist hoch riskant für die Patienten, aber sie bieten die Chance auf Leben. Und das hat Martina Habenau zurückgewonnen: „Wir machen keine Pläne mehr!“, erzählt das Ehepaar bei einem Besuch in der Stefan-Morsch-Stiftung 2015. Der unbekannte Lebensretter ist durch seine Stammzellspende zu einem Teil von Martina Habenaus Leben geworden. „Manchmal nutze ich das auch ein bisschen aus“, lacht sie. Wenn sie Freunde oder Familie mit einer ungewöhnlichen Idee oder mit etwas unangenehmen überrascht, sagt sie einfach: „Das habe ich von meinem Spender!“ (dji)

 

Martina verstirbt im Spätsommer 2017

 

 

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