Der Unterschied: Frauen und Männer als Stammzellenspender

Artikel vom 6. August 2013

Dr. Harald Biersack, Hämatologe des Universitätsklinikum Lübeck,  über die Spenderauswahl aus Sicht der Transplanteure.

Dr. Harald Biersack, Hämatologe des Universitätsklinikum Lübeck

Stammzellspende rettet Leben.  Seit mehr als 25 Jahren klärt die Stefan-Morsch-Stiftung in bundesweiten Kampagnen darüber auf, welche Heilungschancen die Transplantation von Stammzellen und Knochenmark für Leukämiekranke bietet. Sie wirbt dafür, sich als Stammzellspender typisieren zu lassen. Der Hämatologe  Dr. Harald Biersack vom Universitätsklinikum in Lübeck ist ein erfahrener Transplanteur. Im Interview erklärt er, wie heute die Transplantationskliniken bei der Auswahl von Stammzellspendern für ihre Patienten vorgehen und warum Männer die geeigneteren Spender sind.

 

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Dr. Biersack über die Abstoßungsreaktionen zwischen Spender und Patient.

Frage: Herr Dr. Biersack, weltweit sind mittlerweile 21.5 Millionen Spender in den verschiedensten Stammzellspenderdateien registriert: Gibt es immer noch Patienten, die keinen passenden Spender finden?

 

Dr. Biersack: „Gerade Menschen mit Migrationshintergrund finden oft immer noch keinen passenden Spender. Deshalb sollten sich gerade Menschen aus dieser Bevölkerungsgruppe in Deutschland typisieren lassen. Ansonsten findet man mit ausreichend Zeit für die Suche für etwa 85% der Patienten einen geeigneten Spender“

 

Frage: Die Stefan-Morsch-Stiftung organisiert immer wieder Typisierungsaktionen, bei denen vorwiegend Migranten angesprochen werden. Sie verjüngt zudem ihre Datei, indem sie auch bei der deutschen Bevölkerung besonders junge Menschen anspricht. Nach Angaben des Zentralen Knochenmarkspender-Registers Deutschland (ZKRD) stehen für die überwiegende Mehrheit der Patienten Stammzellspender zur Verfügung – manchmal sogar mehrere zur Auswahl. Wie sehen Sie als Transplanteur diese Entwicklung?

 

Dr. Biersack: „Es stimmt, in vielen Fällen stehen uns weitgehend kompatible Spender zur Verfügung – manchmal sogar mehrere. Deshalb gilt heute: Wir suchen nicht mehr nur einen Spender sondern wir suchen den optimalen Spender, um die Überlebenschancen der Patienten weiter zu steigern.“

 

Frage: Nach welchen Kriterien treffen Sie Ihre Auswahl?

 

Dr. Biersack: „Der beste Spender ist derjenige, dessen HLA-Gewebemerkmale am kompatibelsten mit denen des Patienten sind. Man sagt 10 von 10 dieser Merkmale sollten übereinstimmen. Häufig müssen wir jedoch noch mit so genannten Mismatches (Abweichungen) transplantieren, weil der optimale Spender für diesen einen, jetzt akuten Patienten noch nicht typisiert ist. Deshalb kann sich niemand zurücklehnen und sagen: Es gibt schon genug Spender.“

 

Frage: Wenn mehrere Spender zur Auswahl stehen, wie wird dann ausgesucht?

 

Dr. Biersack: „Ganz klar. Das Geschlecht ist ein entscheidender Faktor. Frauen sind die weniger geeigneten Spender.“

 

Frage: Das stößt sicherlich viele Frauen – und gerade Mütter, die hochmotivierte Spenderinnen sind – vor dem Kopf… aber in den Statistiken der Stefan-Morsch-Stiftung zeigt sich: In der Spenderdatei beträgt der Frauenanteil in Anführungszeichen „nur“ noch 49 Prozent, weil die Stiftung sich seit Jahren bemüht, verstärkt junge Männer als Stammzellspender zu gewinnen. Der Frauenanteil der von den Kliniken ausgewählten Spender liegt derzeit bei 18 Prozent …

 

Dr. Biersack: „Über die Jahre hinweg haben wir beobachtet und in großen Studien statistisch bewiesen, dass die Transplantate – sprich die Stammzellen – von Frauen, ein größeres Risiko in sich tragen im Körper des Empfängers die Transplantat-gegen-Wirt-Erkrankung hervorzurufen. Diese Graft versus Host-Reaktion kann das Leben des Patienten stark gefährden oder im Langzeitverlauf, also Jahre nach Transplantation, die Lebensqualität deutlich einschränken.“

 

Frage: Woran liegt es, dass Frauen keine idealen Spender sind?

 

Dr. Biersack: „Die Risiken einer Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion verstärken sich durch die Zahl der sensibilisierten Immunzellen im Körper des Spenders. Bei der GvHD richtet sich das transplantierte Immunsystem des Spenders gegen die Organe des Empfängers. Frauen machen im Rahmen von Schwangerschaften eine Sensibilisierung des Immunsystems durch, da während der Schwangerschaften oder den Geburten Kontakt mit dem Eiweiß des Kindes besteht. Dadurch kann das mütterliche Immunsystem aktiviert werden. Aber genau dieses so aktivierte Immunsystem kann dann im Empfänger umso mehr die neue Umgebung als fremd erkennen und angreifen Deshalb fordern wir als Transplanteure – wenn möglich – keine weiblichen Spenderinnen an, die mehrere Schwangerschaften hatten – sofern ein anderer Spender zur Verfügung steht.“

 

Frage: Fassen Sie bitte noch einmal zusammen, welche Prioritäten Sie als Transplanteur bei der Spenderauswahl setzen?

 

Dr. Biersack: „Entscheidend ist die HLA-Kompatibilität! Männer sind die bevorzugten Spender. Im Einzelfall, wenn zum Beispiel kein männlicher Spender zur Verfügung steht, ist man aber um jeden passenden weiblichen Spender froh. Und je jünger die Spender sind, desto sicherer gelingt die Transplantation zum Erfolg für den Empfänger.“

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